Briefe schreiben

Meine Liebe S.,

nachdem ich schon drei Bögen wieder wegwerfen musste, setze ich nun vom Neuen an, in der Hoffnung, das Papier und die kostbare Tinte nicht erneut zu verschwenden. Aller Anfang ist schwer und ich lerne allmählich mich ganz und gar auf jedes Wort, auf jeden Schwung der Buchstaben zu konzentrieren, bevor ich mit dem Füller ansetze. Löschen ist nicht erlaubt, die Briefe sollen ordentlich sein. Wie habe ich mich zunächst aufgeregt. Wie gerne wollte ich dir eine wütende SMS schreiben. Jetzt sitze ich seit drei Stunden über meinen Schreibtisch gebeugt, es ist mittlerweile stockdunkel, die Kerzen flackern noch, und ich möchte dir sagen: Du hattest recht. 

Wie recht du damit hattest, dieses Experiment zu wagen. Keine direkten Antworten. Den Umschlag mit zitternden Händen öffnen. Die Tinte vorsichtig trocken pusten. 

Ich blickte heute morgen auf meinen Briefbogen und starrte diesen leeren, so präsenten Raum an, der hungrig nach Worten lechzte. Der gefüllt werden wollte. Würde ich ihm überhaupt ausreichend Nahrung geben können? Ich fing an zu überlegen, ließ meine Gedanken schweifen und schon flossen meine Gedanken, meine Gefühle über das Papier, als hätte ich das schon immer so gemacht. Aber als ich den letzten Punkt setzte, wurde ich Zeuge meiner wüsten Gedankengänge, die abschweifend und müßig ihren Weg fanden, über Zeilen hinweg und über Ränder hinaus. Deine Briefe, so wohl überlegt, so tief, so ordentlich geschwungenen. Ich setzte erneut an, sortierte mich. Und wie ich so schrieb und mich meiner müden langsamen Hand anpasste, spürte ich, wie sich mein Gewicht mehr und mehr in meine Worte legte. Wie ich so genau und klar das beschrieb, was ich empfand. Was mir unter den Fingern kribbelte. Jedes Adjektiv gegeneinander abwog, Gedankenstriche ausfüllte, den Fluss meiner Gedanken behutsam auffing. 

Manch einer würde es als romantischen Schwachsinn bezeichnen. Ich habe es als romantischen Schwachsinn bezeichnet. Aber wie viel von dir steckt nur in einer Zeile. Deine Wut, die in impulsiven Zacken aus deiner wohlgeschwungenen Ordnung schießt, deine Klugheit, die sich in atemlosen Buchstaben schräg aneinanderdrängt, deine Liebe, die sich in großen Schnörkeln über die Zeilen ergießt. Jeder Tintenfleck bewusst hinterlassen, um ihn unter der Fingerkuppe zu spüren.

Macht es das anders, Worte berühren zu können? Die Bewegungen einer Hand nachzuempfinden, mit der Fingerspitze nachzeichnen zu können?

Heute habe ich eine völlig neue Angst kennengelernt. Die Angst vor leerem Weiß. Die Panik vor tintenbeflecktes Papier, das zusammengeknüllt unter meinen Schreibtisch wandert. Tippen ist leicht. Aber schreiben auf rauer Oberfläche? 

In Liebe
P.

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