Im Licht der hundert Scheinwerfer

"Scherben, nichts als Scherben lagen vor mir. Sie glitzerten mir gefährlich und scharf im Licht der hundert Scheinwerfer entgegen."

Der Regen hämmerte auf dem Blechdach unter dem wir uns auf einer Treppe zusammenkauerten. Unsere kalten Arme rieben aneinander, während wir die Gänsehaut des anderen spürten, ohne jegliche Wärme zwischen uns erzeugen zu können. Dennoch bewegten wir uns nicht. Wir saßen stumm da, unfähig, zum Fest zurückzukehren. „Was war das eben?“, fragte ich sie, ohne ihr in die Augen zu blicken. „Ich weiß nicht. Was soll schon sein.“, antwortete sie tonlos. Ich wandte mich nun ruckartig zu ihr um. Ich konnte sehen, dass ihr Blick starr und stur noch vorne gerichtet war, obwohl ihr Gesicht vor meinen Augen immer schwammiger wurde. „Wenn irgendetwas vorgefallen ist… Du weißt ja, du kannst es mir sagen.“

„Das ist unser Abend. Unser letzter Abend. Komm und tanze mit mir durch den Regen.“, sagte sie auf einmal, ihr emotionsloses Gesicht wandte sich mit einem neuen Grinsen zu mir um. Das kannte ich noch gar nicht. Sie zog mich lachend hoch und wir verließen den Schutz des Daches. Der Regen durchnässte unsere Kleider, wir fühlten uns aber, als würde uns der Himmel küssen. Es fühlte sich nach Freiheit an. Doch irgendetwas, obwohl ich schwankte und nicht klar denken konnte, fühlte sich fremd an. Bedrängt. Kalt. Ihre eiserne Hand, die mich zog. Sie zerdrückte meine beinahe. Dennoch liefen wir Seite an Seite – und jeder, der an uns vorbeikam, quittierte unser kindisches Verhalten mit einem Grinsen. Sie wussten nicht, was in uns vorging. In ihr. Wir sind schon minutenlang gelaufen, als wir an einer lauten Kreuzung ankamen. Wir blieben an einer Ampel stehen, sie war grün, doch wir gingen nicht. „Ich brauche mehr Alkohol.“, stieß sie aus, sie wirkte müde und angestrengt, ihre anfängliche Euphorie stieß sie keuchend aus. „Ich glaube, wir beide haben schon genug getrunken für heute Abend.“, lallte ich, glücklich darüber einen vernünftigen Gedanken trotz meines erhöhten Alkoholkonsums fassen zu können. „Glaub mir, wir brauchen mehr um diesen Abend zu überstehen.“, flüsterte sie leise – aber mit einem festen Nachruck in ihrer Stimme, während ihre Hand meine noch fester drückte. Ich wollte gerade wieder ansetzen, fragen ob alles in Ordnung ist, doch sie legte einen Finger auf ihre Lippen und deutete verheißungsvoll auf einen Kiosk an der Ecke. „Hol uns Bier.“, wisperte sie mit einem irren Grinsen und drückte mir ein paar Geldmünzen in die Hand, die sie sich zwischen ihrem Mieder und BH geklemmpt hatte. Ich wollte den Kopf schütteln und ihr wiedersprechen, da packte sie mich mit beiden Händen an meinem Armen, so fest, dass ich mich vor ihrer Kraft erschrak. „Bier.“, wies sie mich an und ließ mich ruckartig los. Irgendetwas stimmte nicht, ich spürte es, die Art und Weise wie ihre Hand die meine strich, die Art, wie sich das Loslassen anfühlte. Irgendetwas in meinem Inneren gab mir einen Tritt, ich bewegte mich schwankend von ihr fort in Richtung Kiosk. Als ich die Türe nur mit Mühe aufbekam und die Stufe hinaufstolperte, stieß ich in einen Sumpf aus dichten Rauch und Tabak. Qualmender, stickiger Rauch stieg scharf in meine Nasenhöhlen, der Geruch von Bier und starkem Wodka vernebelte meine Sinne. „Na, was brauchst du Süße?“, lallte der Kioskbesitzer mir zu, der vermutlich eben so besoffen war wie ich. „Ich brauche nichts…“, gab ich verwirrt von mir, als ein lautes Krachen unsere spärliche Konversation unterbrach.


Scherben, nichts als Scherben lagen vor mir. Sie glitzerten mir gefährlich und scharf im Licht der hundert Scheinwerfer entgegen. Als dieses Geräusch ertönte war es, als ob eine Welt zusammenbräche. Ich habe mich geschockt umgedreht, starrte auf die beleuchtete Straße und sah zwei Autos, dicht aufeinanderhängend vor mir. Ich wusste nicht warum, denn mein Kopf war in diesem Moment leer, ich wusste nur, dass ich raus musste. Ich rannte, rannte auf die Straße, die schon mit besorgten Menschen umkreist war, doch blieben sie gesichtslose Gestalten am Rande meiner Wahrnehmung. „Wo bist du?!“, dachte ich, oder schrie ich, ich weiß es nicht mehr. Als ich dann vor die zerbeulten Autos blickte, sah ich ein paar Meter weiter eine kleine, zierliche Gestalt auf dem Boden liegen. Sie war voller Glas. Voller Glitzer. Schärfe. Blut. Kalt. Ich schrie, ich schrie und spürte wie ich von einer Person festgehalten wurde. Doch ich riss mich los und stürzte mich neben diese verletzte Gestalt nieder. Ich spürte es nicht, wie die Glasscherben den zarten Stoff meines bodenlangen Kleides zerfetzten und meinen Knien tiefe Wunden zufügten. „Das bist nicht du.“, beteuerte ich, während ich die langen, blonden, perfekt gelockten Haare aus dem Gesicht dieser Gestalt strich. Es war so verschwommen, so laut. Ich konnte nicht richtig sehen, oder wollte ich nicht sehen? Da offenbarte die Gestalt ihr Gesicht. „Du bist es.“ Ich spürte wie mir eiskalte Tränen an den Wangen entlangliefen, sie waren so kalt, dass ich das Gefühl hatte, sie würden noch auf meiner Haut gerfrieren. Meine Hände berührten ihr vertrautes Gesicht. So nah und doch so fremd. Ich nahm ihre vertrauten Gesichtszüge war, ihre hohen Wangenknochen, ihre kleine Nase, die ihr immer so peinlich war, die zarte Haut, die kaum einen Pickel gesehen hat. Und ihre blauen Augen, die mich weit geöffnet anstarrten. Mir blieb die Luft weg, als sich ihr kleiner, blutüberströmter Mund zitternd öffnete. „Loila.“, wisperte sie stumm, ihre Stimme klang schwach, so schwach, dass ich sie kaum hören konnte. „Nina.“, krächzste ich, während sich meine Tränen wie strömende Rinnsale ihren Weg über meine Wangen bahnten. „Es tut mir leid.“, schluchzte sie mit ihren letzten Kräften, ich packte ihre Hände. Ich würde sie nicht mehr loslassen. „Es ist alles gut. Alles wird gut, versprochen.“, sprach ich ihr immer wieder zu, auch wenn mein Verstand nicht begriff, was gerade passiere. Es war ein Ritual – je mehr sich ihre Augen schlossen und der Druck ihrer Hände nachließ, desto beschwörender sprach ich auf sie ein.

„Du.“, krächzte sie dann und blickte mich durch den kleinen Schlitz, den ihre Augenlider noch freigaben, an. „Ich habe ihn mehr geliebt.“ In diesem Moment hörten ihre Augen nicht auf. Sie starrten. Sie hörten nicht auf zu starren. „Nina!“, schrie ich, ich rüttelte an ihr, doch ihre Augen wandten sich nicht von mir ab. Da wurde ich von hinten gepackt. Schreiend wehrte ich mich gegen die vielen fremden Hände, die mich von Nina wegzerrten. „Lasst mich. Lasst mich los.“, schrie ich und schlug nach einer Person, die sich nun wie eine große breite Wand vor mich stellte. „Deine Freundin ist jetzt in guten Händen. Mach dir keine Sorgen.“, sagte mir eine beruhigende Stimmte, doch ich konnte ihn nicht sehen. Während sich die Menschenmasse zu einer undurchdringlichen Mauer verschloss, verschwamm alles vor meinen Augen.

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