Abschätzungen einer Graden

"Du überlegst wie es heute weitergehen soll, während du abschätzt, wie viele Meter man wohl aus dem sechsten Stock fällt, wie oft du auf dieser Graden, die du in Gedanken illustrierst, reinpasst, und wie tief du fällst, wenn du wieder enttäuschst."

Flackernde, kalte Strahlung. Tippen. Nervöses Augenzucken. Wieder die Deadline überschritten. Dein Kopf braucht frische Luft, echtes Sonnenlicht. Du wendest dich zum Fenster, schreitest ganz gelassen, dann reißt du störmisch die Fenster auf, ein kalter, kräftiger Luftzug in dein Gesicht – atmen. Frei atmen.
Während deine Hirnzellen sich langsam regenerieren, nimmst du die Sonnenstrahlen, die vereinzelt und nur sachte deine Haut durchgleißen, wahr. Endlich Wärme auf deiner Haut. Du überlegst wie es heute weitergehen soll, während du abschätzt, wie viele Meter man wohl aus dem sechsten Stock fällt, wie oft du auf dieser Graden, die du in Gedanken illustrierst, reinpasst, und wie tief du fällst, wenn du wieder enttäuschst.
Deine Gedanken werden abgefangen durch das nervöse Tippen des Kaffee-Junkies neben dir, die, die den Sonnenplatz bekommen hat, die, die immer in regelmäßigen Abständen die Nase rümpft, ihre Brille hochschiebt und mit den Schultern zuckt, als würde sie jede halbe Stunde auf Reset drücken.
Den Schalter hast du vergebens an dir gesucht. Der Anblick des heftig-tippenden Zombies beruhigt dich, nichts, was ein paar Überstunden nicht wieder gut machen könnten.
Du willst wieder genauso gelassen zurück schlendern, als würde dein Gang pfeifen: Alles verdammt lässig hier. Ich fühle mich wie zu Hause, doch dein Kopf drängt sich wieder zum Fenster, weit aus dem Fenster hinaus. Es ist der begrenzte Horizont, der dich anzieht, und die unendliche Weite, die du nicht sehen, aber fühlen kannst, es ist das satte Grün und die Frische der Wiesen, die du irgendwo Richtung Norden vermutest, Kinderlachen, Sonne und süßes Glück, in Form von blumigen Hügeln und eisigen Bergspitzen.
Du wärst überall lieber als hier, aber da, man hat die Natur ins Innere gebracht, ein kleines Maiglöckchen winkt dir zu, es steht nicht auf deinem Tisch.
Du schaffst es endlich dich loszureißen, du fällst nicht ins Blaue und tauchst zurück in die Welt von Schwarz-auf-Weiß, von kalter und intelligenter Strahlung, von überfüllten Postfächern und mahnenden Erinnerungen an verpasste Zeitpunkte.
Und als die Uhr den ersehnten Schlag erteilt, sitzt du noch ein halbes Stündchen länger hier, du quittierst hier und da ein Lächeln, es erreicht dich zwar nicht, aber immerhin ein Lächeln, wie von goldbraun gebackenen Brötchen, die man beim Bäcker zu tausendfach kaufen kann, mit Liebe gebacken, in Massen, von irgendwelchen kaltherzigen Maschinen.
Als du den rechteckigen Kasten vor dir ausschaltest, fällt etwas von dir ab, als hätte sich ein böser Kobold an deinen Hinterkopf gehängt und ihn frech in deinen Nacken gedrückt. Jetzt reckst du den Kopf wie eine aufgehende Blume, du wippst fröhlich mit dem Kopf, du tippst auf Fußspitzen nach draußen, vorsichtig, als hättest du Angst dabei erwischt zu werden.
Draußen grüßt dich nicht die Sonne, die dreht dir nicht mal den Arsch zu. Stattdessen steht über dir der Himmel in rosa Flammen, die Flammen verbrennen dein Gehirn, sie ätzen es nieder, bis auf die letzten spärlichen Gehirnzellen.
Zu Hause schaltest du den Fernseher ein. Wieder diese Strahlung, diesmal leuchtender, man zeigt dir Loser und erbärmliche Menschen, weil das genau die Menschen sind, die du jetzt sehen willst. Du weißt jetzt wieder, dass es dir besser geht, dir geht es besser als so manch Anderem, du bist keine Lachnummer, du hast etwas erreicht, du bist einer der Besseren.
Aber in Wirklichkeit willst du dich nur noch mal vergewissern, dass du noch genug Gehirnzellen übrig hast, um nicht abzustürzen, bloß nicht abzustürzen, nicht in so ein verschwitzt-berauschtes, buntes Loch mit gläsernen Wänden und gehässigen Stimmen.
Du bist kurz eingenickt, als du zu der Frankfurter Allgemeinen griffst, die du zu Lesen pflegst, wenn du deinen Kopf mit Inhalt füllen willst. Während du erschrocken an einem Sonntagmorgen mit müden Augen der Sonne entgegenblinzelst, fragt man dich augenzwinkert: Arbeitest du noch, oder lebst du schon?

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