Der Tag, an den ich mich nie erinnern würde

Tunnelblick, er schien weit weg von mir, ich konnte seine Gesichtszüge nicht ausmachen, verzerrt, ihn zerfraß die Dunkelheit. Doch sein Körper war eng bei mir, er verschmolz mit mir zu einem, ich spürte wie ich mich auflöste, ein toter Geist überzogen mit fremder, brennender Haut –

Der Tag, an den ich mich nie erinnern würde. Es war einer dieser Tage, die meine Eltern als romantisch bezeichneten. Der Regen prasselte laut, aber sanft gegen die abgeschrägten Fenster unseres Dachgeschosses, der Wind seufzte durch die Rillen der kläglich abgedichteten Wände, und die Dunkelheit umspielte das zischende Flackern des Kerzenlichts. Wir kuschelten uns an solchen Tagen immer zusammen auf die Couch, Mama und ich teilten uns ihre Lieblingsdecke, und wir schauten Filme, die ich noch nicht sehen durfte, wie sie mir immer augenzwinkernd erzählten.


An diesem Tag jedoch fehlte – fehlte die wohlige vertraute Wärme. Ich war allein. Aber die Dunkelheit lud dennoch dazu ein, Nähe zu suchen, Körperkontakt, als Schutz vor dem Schwarz, das immer so kalt und unberechenbar wirkte, zu viel Raum für Fantasie.
Ich würde mich nie daran erinnern, wie es dazu gekommen ist. Warum er hier war – und sie nicht.
Seine Stimme klang fremd, hätte ich sie doch eigentlich kennen müssen, sie war dunkler, fordernder. Meine Nackenhaare stellten sich auf, als seine Worte über meinen Hals streiften. Da musste ein Durchzug sein. Er schloss ein Fenster, das auf Kipp stand. Seine Hände hörten nicht auf meine empfindliche Haut zu streicheln. Sie zogen meinen Körper magnetisch an, aber etwas in meinem Magen zuckte, ein Gefühl von Furcht, als würde sich ein Gefecht von schmelzender Hitze und erstarrender Kälte in mir austoben.
Ich hörte alles, das fremde Raunen, aber ich konnte nichts verstehen. Ich sei zu jung, ließ ich mir sagen. Es fühlte sich aber eher so an, als würde ich unter Wasser gedrückt, gedämpft drang seine Stimme in mein Ohr. Plötzlich wurde es anders. Als wären es andere Hände, mehr Hände als zuvor, die begannen den letzten Stoff von meinem Körper zu ziehen, die letzte Barriere, dann – erdrückende Hitze. Abwehrend hoben sich meine Hände, erstarrend, als er sie packte und gegen kalten Stein drückte. Tunnelblick, er schien weit weg von mir, ich konnte seine Gesichtszüge nicht ausmachen, verzerrt, ihn zerfraß die Dunkelheit. Doch sein Körper war eng bei mir, er verschmolz mit mir zu einem, ich spürte wie ich mich auflöste, ein toter Geist überzogen mit fremder, brennender Haut –

ich liebe dich. Ein falscher Ton, zu hoch, nicht echt. Ich fiel in weiche Kissen, während meine Haare seine Hände verfingen. Ich spürte, dass ein entscheidender Punkt überschritten war. Mein Kopf setzte aus, die kalte Starre setzte ein. Ich hielt die Luft an, um unter Wasser zu überleben, während er sich auf mir bewegte, erdrückende Dunkelheit, und die glitzernde Wasseroberfläche in weite Ferne rückte.

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